Logo

Alter Wein in neuen Schläuchen

 

Hallo,

8,35 Mrd. Euro gibt der Bund mindestens pro Jahr für Dienstleistungen von Big Tech aus. Das ergab laut Medienberichten eine Anfrage von der Linken im Bundestag, deren Antwort leider noch nicht öffentlich ist.

Das ist deutlich mehr als die bisher bekannten Lizenzkosten für Microsoft-Produkte, die seit Jahren kontinuierlich stark anwachsen. Monopole bieten hierfür die Möglichkeit.

Die Hälfte der Bundesausgaben geht alleine an Oracle für Cloud-Infrastrukturen. Hinter dem Unternehmen steht der Trump-nahe Tech-Oligarch Larry Ellison. Dieser bringt aktuell mit dem Aufkauf von zahlreichen Medien und der US-Version von TikTok die medial-digitale Gleichschaltung voran.

Wie das immer so ist: Genau weiß man es aber nicht bei der Bundesregierung und es besteht zu befürchten, dass da noch eine Vielzahl an Ausgaben irgendwo übersehen wurden.

Stiefmütterlich werden weiterhin Aktivitäten zum Erreichen der digitalen Souveränität finanziert. Aber wenigstens gab es diese Woche eine erfreuliche Nachricht: Die bundeseigene Souvereign Tech Agency fördert die offene Microblogging-Plattform Mastodon mit über 600.000 Euro. Damit sollen neue Features wie verschlüsselte Kurznachrichten und Mechanismen für die Content-Moderation entwickelt werden. Das ist ein Schritt in die richtige Richtung!

Im vergangenen Herbst hatten wir eine solche Finanzierung mit unserem Konzept zur Förderung offener Infrastrukturen gefordert und der Bundesregierung diesen möglichen Weg skizziert. Es freut uns, dass unsere Arbeit Wirkung zeigt und der Gemeinschaft zugutekommt.

Vorratsdatenspeicherung in neuer Verpackung

Nicht erfreulich war diese Woche die Wiedereinführung der anlasslosen Vorratsdatenspeicherung. Ich verfolge die Debatte seit 25 Jahren und habe schon einige Versuche von Bundesregierungen mitbekommen, hier kommunikativ zu suggerieren, dass das doch nicht so schlimm sei. Nun auch in diesem Fall.

Das sei keine Vorratsdatenspeicherung, weil man doch früher mehr gespeichert hätte. Das stimmt, aber das ist nur dem Bundesverfassungsgericht zu verdanken, das klare Grenzen gezogen hat. Zum Glück haben wir Grundrechte!

Jetzt sollen für drei Monate die IP-Adressen von allen Bürger:innen auf Vorrat gespeichert werden. Das bleibt eine anlasslose Vorratsdatenspeicherung, egal was man behauptet. Allein mag das vielleicht harmlos wirken. Es sind doch nur IP-Adressen (und Port-Nummern und Zeitstempel in einer Datenbank).

Aber kommende Woche wird von der Bundesregierung das sogenannte Sicherheitspaket beschlossen. Dort sollen Maßnahmen auf den Weg gebracht werden, die die Verknüpfung von vielen Datenbanken ermöglichen. Und schon wird die isolierte Speicherung von IP-Adressen in der einen Datenbank ein wichtiges Element für Palantir-artige Überwachungsinfrastrukturen.

Es gibt eine goldene Regel der Innenpolitik: Datentöpfe und Überwachungsinfrastrukturen werden nie zurückgenommen. Einmal eingeführt werden sie immer nur noch ausgebaut.

Und dann muss man sich nur vorstellen, wie diese Daten von AfD-Regierungen und von ihnen kontrollierte Sicherheitsbehörden gegen ihre Gegner missbraucht werden können. Wir werden uns weiterhin dagegen einsetzen.

Unsere Einordnung findet sich hier.

Viele Grüße
Markus Beckedahl

Ich freue mich über Feedback per Mail an markus@digitalrechte.de.

Dir gefällt unser Newsletter und Du möchtest ihm jemand anderen empfehlen? Leite ihn gerne weiter. Hier geht es zur Anmeldung.

Für eine digitale Gesellschaft, die uns allen gehört – nicht Big Tech.

Jetzt spenden
 
Komm in unser Team
 

Demokratie im Netz braucht starke Stimmen und solide Finanzierung. Wir auch. Deshalb suchen wir eine Fundraising Manager:in (w/m/d) und eine Redakteur:in (w/m/d) mit Policy-Expertise zu digitalpolitischen Themen.

Die wichtigsten Fakten auf einen Blick:

  • Wo? Berlin
  • Umfang? 24–32 h/Woche
  • Start: zum nächstmöglichen Zeitpunkt
  • Bewerbung bis 03.05.2026
  • Kontakt: jobs@digitalrechte.de

Hier geht´s zur ausführlichen Ausschreibung: https://digitalrechte.de/jobs 

 
Das haben wir veröffentlicht
 
  • Wenn der Feed bestimmt, was politisch wichtig wirkt: Viele Menschen begegnen politischen Inhalten auf sozialen Medien. Eingebettet in eine Plattformlogik, die Zuspitzung, Emotion und Konflikt mit Reichweite belohnt. Die Medienforscherin Josephine B. Schmitt erklärt, was das mit der politischen Wahrnehmung macht, warum Medienkompetenz allein nicht reicht und welche Regeln es für TikTok, Instagram und Co. bräuchte.
  • Dauerbrenner Jugendschutz im Netz: Die Expertenkommission zum Kinder- und Jugendschutz legt vorzeitig eine Bestandsaufnahme vor: Viel Bekanntes, wenig Neues – doch die Debatte um Social-Media-Verbote spitzt sich zu. Statt pauschaler Verbote fordert der Bericht strengere Regeln für Plattformen, wirksame Aufsicht und mehr Medienkompetenz.
  • Accountsperren und Vorratsdatenspeicherung als Lösung für digitale Gewalt? Das Justizministerium will Betroffene digitaler Gewalt besser schützen: mit neuen Straftatbeständen, einem gerichtlichen Auskunftsverfahren und Accountsperren. Doch bei der Identifizierung mutmaßlicher Täter:innen baut der Entwurf auf der umstrittenen Vorratsdatenspeicherung auf.
  •  
 

Credit: Gert Baumbach / vzbv

3 Fragen zu manipulativen Designs

an Lina Ehrig

Lina Ehrig leitet das das Team Digitales und Medien beim Verbraucherzentrale Bundesverband. Der Verband setzt sich dafür ein, dass Netzneutralität und Verbraucherschutz Vorrang vor dem Gewinnstreben einzelner Konzerne haben.

 

Woran merkt man als Nutzer:in, dass eine App oder Website Nutzerinnen und Nutzer gezielt in eine bestimmte Richtung lenken will?

Im Alltag zeigt sich manipulative Lenkung vor allem dort, wo digitale Oberflächen nicht neutral informieren, sondern systematisch Entscheidungsoptionen verzerren. Typisch sind Gestaltungen, die bestimmte Handlungen optisch, sprachlich oder funktional bevorzugen, während Alternativen versteckt, erschwert oder emotional abgewertet werden.

Beispiele dafür sind übergroße und farblich hervorgehobene „Akzeptieren“-Buttons bei Cookie-Bannern, während die Ablehnung nur über mehrere Klicks, unklare Begriffe oder kaum sichtbare Links erreichbar ist. Ebenso verbreitet sind künstliche Verknappungen („Nur noch zwei verfügbar“, „Angebot endet in fünf Minuten“), automatisch vorausgewählte Zusatzleistungen, vorbefüllte Warenkörbe oder emotionale Appelle, die Schuldgefühle bei unerwünschten Entscheidungen auslösen („Ich verzichte auf das bessere Angebot“). 

Die Beeinflussung zielt nicht nur darauf ab, Kaufentscheidungen zu treffen oder Vertragskündigungen zu verhindern. Sie wird auch eingesetzt, um die Nutzungs- und Verweildauer zu verlängern, etwa um Werbeeinnahmen zu erzielen. Hierfür werden aufdringliche Benachrichtigungen, Mechanismen wie Autoplay und endloses Scrollen sowie Gamification und Glücksspiel-Elemente eingesetzt.

Gemeinsam ist diesen Gestaltungen, dass sie nicht auf sachliche Information, sondern auf die systematische Ausnutzung von Aufmerksamkeitsknappheit oder Bequemlichkeit abzielen und damit die autonome Entscheidung der Nutzer:innen beeinträchtigen.

Wo endet klassische Verkaufspsychologie, wo beginnt manipulative Gestaltung?

Klassische Verkaufspsychologie endet dort, wo Gestaltung nicht mehr informiert und erleichtert, sondern gezielt die Entscheidungsfreiheit unterläuft. Zulässige Verkaufspsychologie setzt voraus, dass Informationen vollständig, klar und vergleichbar dargestellt werden und dass Verbraucher:innen eine reale, gleichwertige Wahl haben. 

Manipulative Gestaltung beginnt hingegen, wenn die Struktur, das Design oder die Funktionslogik einer Oberfläche darauf angelegt ist, Nutzer:innen zu Entscheidungen zu drängen, die sie unter neutralen Bedingungen nicht getroffen hätten. Das trifft insbesondere zu, wenn rechtlich relevante Informationen versteckt, Entscheidungsfolgen verschleiert oder kognitive Schwächen gezielt ausgenutzt werden.

Welche Regel oder Maßnahme würde am schnellsten dazu führen, dass Plattformen auf manipulative Designs verzichten? 

Nicht jede Manipulationsart kann man einzeln verbieten und wir wissen auch nicht, wie Manipulation – etwa KI-basiert – in Zukunft aussehen wird. Entscheidend ist daher ein offenes, technologie‑ und praktikenneutrales Verbot, das an der Wirkung der Gestaltung auf die Entscheidungsfreiheit der Verbraucher:innen ansetzt und nicht an ihrer formalen Ausgestaltung.

Gleichzeitig darf es nicht Aufgabe der Verbraucher:innen sein, unfaire und benachteiligende Voreinstellungen korrigieren zu müssen. Webseiten und Apps müssen in ihren Grundeinstellungen fair gestaltet sein und dürfen nicht zu einer übermäßigen Nutzung verleiten. Vielmehr sollte das Prinzip lauten „Fairness by Design und by Default“.

Wir verteidigen Demokratie und digitale Grundrechte.
Deine Unterstützung macht den Unterschied.

Jetzt spenden
 
Empfehlungen für Dich
 
  • Das Überwachungsunternehmen Palantir hat ein Manifest mit radikalen und materialistischen Positionen veröffentlicht. Enthalten sind rechtsnationalistische Forderungen, rassistische Ideen westlicher Überlegenheit und der Ruf nach einer neuen auf Technologie basierender Ordnung. Das Manifest beruht auf dem Buch von CEO Alex Karp. Er bezeichnet Pazifismus und Toleranz als „Wohlstandsverwahrlosung“ und nennt immer wieder eine nicht näher definierte „Elite“, gegen die das Silicon Valley mit seinen Erfindungen und Technologien in den Krieg ziehen soll. Die Positionen im Manifest sind wenig überraschend, aber ein Grund mehr, Palantir nicht in Deutschland einzusetzen. (Golem, kostenlos am 23.04)
  • Apps sammeln Standorte, biometrische Daten und E-Mailadressen, Datenhändler schlagen daraus Profit. Dieses Geschäft reicht tief in den Alltag der Nutzer:innen hinein, ist für diese aber meist unsichtbar. In der neuen Breitband-Folge sprechen vier Journalist:innen über aktuelle Recherchen, wohin solche Daten fließen und wer sie für welche Zwecke verwendet. Dabei wird deutlich, wie eng Datenhandel, KI-gestützte Überwachung und politische Regulierung inzwischen zusammenhängen.  (Deutschlandfunk Kultur)
  • „Eine Entmenschlichung des Menschen, während wir zugleich Maschinen vermenschlichen“: Der Philosoph Edward Harcourt erklärt im Interview, wie Chatbots sprachliche Gewandtheit als echte emotionale Verbindung verkaufen. Menschen geben sich mit dieser Illusion von Nähe zufrieden, weil sie tröstlich, bequem und jederzeit verfügbar ist – aber keine echte Gegenseitigkeit kennt. Von der Debatte über KI als dem Menschen ebenbürtige Intelligenz hält Harcourt wenig. Sie sei kostenlose Werbung für KI-Firmen und blende aus, dass echte Intelligenz mehr ist als die berechnenden Leistungen des Gehirns. (Zeit, Geschenk-Link)
  • Mehr als bloßer Freundschaftsersatz: Jugendliche nutzen KI-Charaktere kreativer, als viele Erwachsene vermuten, sagt eine neue Untersuchung. Jugendliche bauen Figuren aus Büchern oder Serien nach, suchen bei ihnen Trost, lassen Dampf ab und spinnen Geschichten weiter. Zugleich testen sie mit KI verschiedene Identitäten und spielen schwierige Alltagssituationen probeweise durch. Kurz: KI-Charaktere sind für viele Jugendliche nicht nur Begleiter, sondern ein Werkzeug, um Gefühle, Gedanken und Ideen zu verarbeiten. Was fehlt, sind sichere und verlässliche Rahmenbedingungen. (The Conversation)
 
Das steht an
 
  • 23.-25.4.26: Die renommierte Konferenz We Robot kommt nach Stationen in Yale, Stanford, Miami, Ottawa und Boston zum ersten Mal nach Europa (Berlin). Im Fokus stehen aktuelle gesellschaftliche Herausforderungen rund um KI und Roboter. Der perfekte Ort, um sich mit führenden Wissenschaftler:innen und Policy-Expert:innen im bum.berlin über aktuelle Trends auszutauschen.
  • 25.04.26: Diskussion mit Markus Beckedahl über „Warum digitale Souveränität jetzt zählt“ auf dem taz.lab in Berlin
  • 06.05.26: Diskussion mit Markus Beckedahl über „Digitale Souveränität in Deutschland“ auf den Verbandstagen des Berufsverbands der Datenschutzbeauftragten Deutschlands (BvD) in Berlin
  • 18.-20.05.26: re:publica in Berlin unter dem Motto „Never gonna give you up“. Wir sind mit einigen Vorträgen und einem Stand dabei. Der Fahrplan ist mittlerweile online
Jetzt spenden
Spende jetzt und stärke unsere Arbeit für mehr Demokratie im Digitalen.

Wenn dir unsere Arbeit gefällt, freuen wir uns sehr über deine Spende. Gemeinsam sind wir eine Bewegung, die Big-Tech-Lobbys und ihre milliardenschwere PR-Maschinerie herausfordert.

Impressum und Kontakt

Vom Newsletter abmelden

Zum Newsletter anmelden

 

 Mastodon  Bluesky  Web  Linkedin  Instagram  Youtube