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Abendessen beim Bundeskanzler

 

Hallo,

am Montagabend war ich zum Abendessen mit dem Bundeskanzler eingeladen. Es war allerdings nicht mit Friedrich Merz.

Das Essen fand in der Schweizer Botschaft statt, weil der Schweizer Bundeskanzler Viktor Rossi zu Besuch in Berlin war. Eine kleine Runde mit Regierungsvertreter:innen aus beiden Ländern, einer Handvoll Menschen aus Wissenschaft und Thinktanks – und mir.

Thema des Abends war Digitale Souveränität, und gerade die unterschiedlichen Perspektiven machten das Gespräch spannend. Ich konnte viele unserer Positionen einbringen und einordnen: die Notwendigkeit, gemeinwohlorientierte Alternativen wie Mastodon oder Eurosky zu fördern. Eine ernstgemeinte Open-Source-Strategie der Verwaltung, in der der Staat als aktiver Ankerkunde auftritt. Damit die Wertschöpfung bei uns stattfindet und wir mehr Gestaltungsmöglichkeiten sowie Wahlfreiheit erhalten. Und die Frage, ob staatliche Stellen weiterhin auf X kommunizieren sollten. (Spoiler: nein.)

Besonders hängen geblieben ist mir, was der Schweizer Bundeskanzler über den Prozess rund um die staatliche E-ID-Wallet erzählt hat. Die Schweizer Regierung hat dort früh und ernsthaft den Dialog mit der digitalen Zivilgesellschaft gesucht und sie aktiv eingebunden. Das hat nicht nur das Ergebnis besser gemacht – es hat auch dabei geholfen, in einem Referendum eine gesellschaftliche Mehrheit zu bekommen. Dialog als demokratische Infrastruktur, nicht als lästige Pflichtübung.

Genau dieses Denken wünsche ich mir auch von unserer Regierung: digitale Zivilgesellschaft nicht als Störfaktor begreifen, sondern als Partnerin. Mal sehen, ob ich das irgendwann auch dem anderen Bundeskanzler erklären darf – und ob er genauso aufgeschlossen ist.

Das größte Überwachungspaket seit 20 Jahren

Wahrscheinlich hast Du es gestern gar nicht mitbekommen: Die Bundesregierung hat das größte Überwachungspaket seit über 20 Jahren beschlossen. In der medialen Berichterstattung ging das Thema neben Gesundheitsreform und Haushalt unter. Das war schon geschickt auf der Tagesordnung platziert.

In vielen größeren Medien wurde einfach nur die Kommunikation der Bundesregierung ohne kritischen Kontext zusammengefasst. Es geht ja um Sicherheit! Bei Pro7/Sat1, Deutschlandfunk Kultur und MDR Aktuell konnten wir unsere Kritik und Einordnungen kommunizieren.

Beschlossen wurde der „biometrische Internetabgleich“. Übersetzt aus dem Behördendeutsch bedeutet das: Sicherheitsbehörden und Unternehmen dürfen alle Bilder aus dem Netz zusammenkopieren und biometrisch rastern. Jedes Selfie und jedes Familienfoto von Dir im Netz trainiert zukünftig den Überwachungsstaat. Der nächste Schritt ist dann nur noch eine Frage der Zeit: Gesichtserkennung im öffentlichen Raum.

Parallel können private Anbieter wie Palantir den Zugang zu ihren Datenbanken an staatliche Stellen verkaufen und Behördendaten massenhaft auswerten. Das Recht auf informationelle Selbstbestimmung wird dabei nicht verteidigt, sondern verhandelt und unsere Sicherheitsinfrastrukturen werden an dubiose Unternehmen privatisiert.

Und dazu kommt noch die Vorratsdatenspeicherung, die letzte Woche vom Kabinett auf den Weg gebracht wurde.

Wir leben leider in Zeiten, in denen wir bei solchen Überwachungsmaßnahmen immer mitdenken müssen: Was macht eine potentielle AfD-Regierung damit? Wir bauen einen Überwachungsstaat, den wir schlüsselfertig übergeben könnten.

Viele Grüße
Markus

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Das haben wir veröffentlicht
 
  • Bundesregierung will KI-Einsatz der Polizei - kommt jetzt Palantir? Es mag sinnvoll sein, dass Polizeibehörden ihre Daten softwarebasiert durchsuchen und aufbereiten können. Die Gesetzentwürfe der Bundesregierung schießen über dieses Ziel jedoch weit hinaus. Statt das Vollzugsdefizit anzugehen, und die staatliche IT zu modernisieren, riskiert die Bundesregierung einen Ausverkauf der digitalen Souveränität.

  • Wenn dein Selfie den Überwachungsstaat trainiert! Mit einem Gesetzespaket zur „Stärkung digitaler Ermittlungsbefugnisse“ will die schwarz-rote Bundesregierung den Sicherheitsbehörden weitreichende neue Befugnisse einräumen – darunter einen biometrische Internetabgleich. Dadurch kommt es aus grundrechtlicher Perspektive zu einem Paradigmenwechsel. Jedes Bild, Video und jede Tonaufnahme einer Stimme, die wir hochladen, landen dann womöglich in einer Analysesoftware der Polizei.

  • Bundesregierung will IP-Adressen aller Deutschen für drei Monate speichern: Im Schatten der Debatten um digitale Gewalt hat das Bundeskabinett eine anlasslose Speicherung der IP-Adressen und weiterer Daten aller deutschen Internetnutzer:innen beschlossen. Justizministerin Hubig zeigte sich stolz, einen „20 Jahren alten Streit“ nun endlich zu lösen. Doch löst sie ihn zulasten der digitalen Grundrechte auf.
 
3 Fragen zum Sicherheitspaket

an Michael Kolain

Michael ist Experte für digitalen Staat, Grundrechte und Cybersicherheit. Beim Zentrum für Digitalrechte und Demokratie bringt er seine Expertise als Head of Policy ein.

E-Mail: michael.kolain@digitalrechte.de

 

Die Bundesregierung will den Sicherheitsbehörden erlauben, einen biometrischen Internetabgleich durchzuführen. Was genau ist das?

Sucht die Polizei eine Person, von der sie nur ein Foto oder eine Tonaufnahme hat, müssen Ermittler bislang oft händisch im Internet suchen oder polizeiliche Datenbanken durchforsten. Die neuen Gesetzentwürfe sollen es dem BKA und der Bundespolizei erlauben, das Internet mit biometrischen Scans auf Übereinstimmungen zu durchsuchen. Als Datenquellen kommen prinzipiell alle Bild-, Video- und Tonaufnahmen in Betracht, die im Internet zugänglich sind. Ein flüchtiger Straftäter könnte dann auf einem Foto in Mexiko auftauchen, in das er zufällig reingelaufen ist, und das ein Tourist öffentlich auf Instagram geteilt hat. Das Problem dabei: Solche Systeme sind nach dem EU AI Act eigentlich verboten und stellen aus Sicht von Menschenrechtsorganisationen „einen qualitativen Sprung in der Überwachungsinfrastruktur“ dar.

Eine weitere Maßnahme in den Gesetzentwürfen ist die sogenannte automatisierte Datenanalyse. Was steckt dahinter?

Wenn die Polizei künftig eine Analyseplattform nutzen darf, um Informationen aus verschiedenen Datenbanken zusammenzuführen und aufzubereiten, klingt das vielleicht harmlos. Wenn dann das Schlagwort „Palantir“ fällt, sieht die Sache schon anders aus. Es besteht das Risiko, dass BKA und Bundespolizei nun bei Peter Thiel und Alex Karp auf Einkaufstour gehen – und nach außen behaupten, das sei schon alles sicher und datenschutzkonform. Übrigens erlaubt das Gesetz auch eine Weitergabe von polizeilichen Daten an Unternehmen, um dort KI-Modelle für die Ermittlungsarbeit trainieren zu lassen. Auch hier sind aus dem Ausland kontrollierte Firmen nicht ausdrücklich ausgeschlossen. Ein riskanter „Quick Fix“ und das Gegenteil von digitaler Souveränität. Denn so beeindruckend Palantir-Software auch sein mag: Deutsche Polizeibehörden bekämen so ein Instrument, das ihre eigentlichen Rückstände überdeckt, und sie in eine Abhängigkeit von dem Unternehmen eines Tech-Milliardärs mit anti-demokratischen Einstellungen führt.

Die Bundesregierung hat letzte Woche auch die Vorratsdatenspeicherung beschlossen. Was können Menschen tun, die sich angesichts des Anstiegs digitaler Überwachung durch den Staat Sorgen machen?

Nach dem Kabinettsbeschluss ist vor dem parlamentarischen Verfahren. Mehrere SPD-Politiker:innen haben sich klar dagegen ausgesprochen, Palantir-Software auf Bundesebene anzuschaffen. Es macht durchaus Sinn, sie per Mail daran zu erinnern. Auch die Fachpolitiker:innen der SPD im Digitalausschuss dürften mit ihrem Gewissen ringen, ob sie solchen Maßnahmen zustimmen. Immerhin ist es die Kernaufgabe des Bundestags – und nicht der Regierung – Gesetze zu verabschieden. Derzeit gibt es auch eine Petition bei Campact, der man sich mit wenigen Klicks anschließen kann. Ganz individuell wird man sich aber auch fragen müssen, welche Fotos und Stimmaufnahmen man künftig überhaupt noch ins Internet hochlädt – leider. Sobald der Bundestag das Gesetzespaket beschlossen hat, ist der Weg für Klagen in Karlsruhe frei. Wir werden diese mit unseren Möglichkeiten unterstützen. Es wäre nicht das erste Mal, dass Karlsruhe ein grundrechtswidriges Überwachungsgesetz am Ende zurückpfeift.

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  • Das ehemalige deutsche „KI-Wunderkind“ Aleph Alpha fusioniert mit dem kanadischen Unternehmen Cohere. Was als „europäische digitale Souveränität“ verkauft wird, ist vor allem eine gesichtswahrende Lösung für das Problem, dass das Unternehmen nicht das geliefert hat, was Politiker:innen sich davon erhofft hatten. Markus hat die Entwicklung gegenüber der Tagesschau und dem Deutschlandfunk kommentiert.
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Das steht an
 
  • 06.05.26: Diskussion mit Markus Beckedahl über „Digitale Souveränität in Deutschland“ auf den Verbandstagen des Berufsverbands der Datenschutzbeauftragten Deutschlands (BvD) in Berlin
  • 18.-20.05.26: re:publica in Berlin unter dem Motto „Never gonna give you up“. Wir sind mit einigen Vorträgen und einem Stand dabei. Der Fahrplan ist mittlerweile online.
  • 11.06.26: Markus Beckedahl hält den Festvortrag bei der Eröffnungsveranstaltung des Deutschen Anwaltstages in Freiburg.
  • 04.06.26: Internationale Konferenz „Sovereignty in a Multipolar Modern World: Digital Autonomy and State Capacity in Central Europe“ an der Universität Szeged (Ungarn), Vortrag von Michael Kolain.
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